Osterglocken im Jura

Ein einmaliges Spektakel in der Haute Chaîne

Jedes Jahr nach der Schneeschmelze Ende April/Anfang Mai erleben Wanderer in den höchsten Hängen des französischen Juragebirges, der Haute Chaîne, ein einmaliges Spektakel. Wo im Sommer Kühe weiden und Wanderer zum Gipfelsturm ansetzen, werden nun die Hänge in Gelb getaucht. Hoch oben in den Bergen blühen zu dieser Jahreszeit dicht an dicht tausende von Osterglocken.

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anderwege auf die Juragipfel gibts es viele. Wohl am besten ausgeschildert sind die Wege zum Reculet (1718m), der sich mit dem benachbarten Gipfel Crêt de la Neige (1720) um die Ehre streitet der höchste Gipfel des Jura zu sein zu dürfen.

Wanderweg im Jura
Verzweigung am Punkt La Croisée (1190m) : Steil und spannend oder Normalweg?

Der Einstieg

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er einfachste Einstieg ist am Parkpatz Tiocan (860m), zu dem man vom Zentrum des Örtchens Thoiry über eine teilweise sehr holprige Serpentinen-Strasse gelangt. Wer mag kann auch bereits im Ort loslaufen (Haltestelle des Y-Busses am Rathaus). Die Wanderwege zweigen von der Strasse zum Tiocan rechts ab, führen durch Edelkastanienwälder und sind gut markiert.

Während Familien mit kleineren Kindern vom Tiocan aus eher den breiten Forstweg bevorzugen, nehmen geübte Wanderer die senkrechte Variante, die links am Parkplatz startet und den Wanderer in einer halben Stunde an die Waldgrenze der Haute Chaîne bringt. Die Wege sind gut markiert, aber kaum gepflegt. Beim Aufstieg sollte man sich übrigens nicht von den gut trainierten einheimischen Wanderern frustrieren lassen, die mal eben schnell vor dem Frühstück mit ihrem Hund den Berg hochjoggen. Wer in den Bergen wohnt, ist hier konditionell klar im Vorteil.

Die nächste Entscheidung muss auf 1190 Meter Höhe am Punkt La Croisée getroffen werden. Der deutlich schönere Weg führt links durch Felsen und über ausgedehnte Weiden, verlangt aber nach gutem Schuhwerk. Auf dieser Route findet man definitiv die prächtigsten Osterglockenfelder.  Alternativ gehts nach rechts über eine teils betonierte teils kiesige Kuhbauernstrasse hinauf. Für wenig geübte Wanderer und Familien mit kleinen Kindern ist dieser Weg zu empfehlen. Osterglocken gibts hier auch zu bestaunen, aber deutlich weniger als auf der anderen Route. Auf beiden Wegen benötigt man bis zum Gipfel je nach Kondition etwa 1 bis 1 1/2 Stunden.

 

Der steilere Pfad zum Reculet
Der steilere Pfad zum Reculet: Ausblick auf Genfer See und die französischen Alpen

Im Hochland

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er linke anspruchvollere Weg nimmt nun endlich alpinen Charakter an und führt durch Felsen über die Waldgrenze hinweg. Hier hat man auch (abgesehen von einigen lichten Stellen im Wald) die ersten spektakulären Ausblicke auf den Genfer See und die Savoyer Alpen. Schliesslich läßt man die Felsen hinter sich und wandert durch ausgedehnte Almwiesen, die um diese Zeit mit Osterglocken übersäht sind.  Man sollte sich etwas Zeit lassen, um dieses Spektakel zu geniessen.

 

Osterglockenfelder
Osterglockenfelder
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er öfters hierherkommt, wird feststellen, dass sich die Blühte mit der Zeit in immer höhere Regionen verschiebt. Die höher gelegenen Wiesen, die am Anfang der Osterglocken-Periode noch mit Schnee bedeckt waren, erstahlen schon wenige Wochen später in einem leuchtenden Gelb.

Wichtiger Hinweis für alle Jura-Wanderungen: Der poröse Jurakalk hält kein Wasser. Da es an Quellen mangelt, gibt absolut keine Möglichkeit, Wasserflaschen aufzufüllen. Also, denkt daran, genug Getränke einpacken!

Jeder halbwegs erfahrene Wanderer kennt natürlich den üblichen Zustand von Wegen durch Kuhweiden direkt nach der Schneeschmelze. Gutes Schuhwerk und Stöcke vermeiden hier kleine und größere Schlamm-Rutschpartien. Ab und zu muss auch noch ein kleines Schneefeld durchquert werden. Im Sommer sind die Wege natürlich gut zu begehen. Apropos Sommer, es kann hier durchaus heiss werden! Wenn sich selbst die Kühe in den Schatten der Büsche verzogen haben, weiss man, dass man etwas zu spät gestartet war. Die Narderans-Hütte läßt man dann links liegen und folgt rechts dem Weg in Richting Reculet, der schliesslich zur Felskante hochführt.

 

Gipfelanstieg
Kurz vor dem letzten Gipfelanstieg
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ier gibt es dann noch einen letzten steilen Anstieg, der jetzt aber auch mit Holzbalken gesichert ist. Von diesem letzten Anstieg kann man sich dann einige Minuten auf einem sanften Weg erholen, der zum eigentlichen Gipfelkreuz führt. Bei gutem Wetter hat man von der Haute Chaîne einen spektakulären Rundblick in alle Himmelsrichtungen. Neben Rhonetal, Genfer See, Französische Alpen und Wallis sieht man von den höchsten Gipfeln des Jura auch die Berner Alpen. Die windgeschützte Seite des Gipfels lädt übrigens zum einem ausgedehten Picknick ein.

 

Am Gipfel des Reculet (1718m)
Am Gipfel des Reculet (1718m)
Blick vom Gipel Reculet im französischen Jura
Blick vom Reculet im Juni: französische Alpen und Rhone
Blick auf Genfer See und MontBlanc
Blick vom Reculet im Juni: Genfer See und Mont Blanc

Der Abstieg von den Gipfeln der Haute Chaîne

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um Abstieg kann man den Aufstiegsweg wieder zurückgehen oder man wählt den gelenkschonenden flacheren breiten Forstweg. Schöner sind aber zwei weitere Varianten: Wer noch etwas mehr Zeit mitbringt, folgt dem breiten Weg durch die Alpenwiesen zum Crêt de la Neige und kehrt von dort über das Chalet de Curson ( im Sommer jedes Wochenende geöffnet!) wieder zur Wegkreuzung  unterhalb des Reculet zurück.  Am Crêt de la Neige hat man übrigens einige spektakuläre Einblicke in die rauhe Jura-Karstlandschaft mit Latschenkiefern und tiefen Spalten. An einer Stelle sieht man soger eine Momentaufnahme eines Prozesses, in dem ein großer Teil des Berges sich vom Rest abspaltet und irgendwann in der Zukunft zu Tal stürzen wird.

Tipp: Nach der Tour kann man sich auf der Terasse des Umweltvereins am Tiocanman einen erfrischenden Öko-Saft oder ein Öko-Bier schmecken lassen.

Wer weniger Zeit, aber gutes Schuhwerk mitbringt, folgt einem inoffiziellen Pfad, der senkrecht nach Osten durch Latschenkiefern und Felsen zum breiten Normalweg hinunterführt. Kurze Kletterpartien sind inbegriffen und um diese Zeit müssen immer mal wieder einige kleine Schneefelder überquert werden. Aufmerksame Wanderer erkennen auch die vielen Spalten im Kalk, die sich halb unter dem Gras verstecken. Schliesslich treffen sich alle Varianten wieder am Punkt  La Croisée, von wo aus man  in ca 20min durch den Wald wieder zum Startpunkt der heutigen Tour auf den Parkplatz gelangt.

Fazit

Der Reculet ist zu Recht ein Klassiker, der von Frühjahr bis Herbst sehr zu empfehlen ist, nicht zuletzt auch wegen dem atemberaubenden Rundblick hinüber zum Genfer See und hinüber zu den Alpen. Alle Wege sind gut ausgeschildert, was übrigens im französischen Jura nicht selbsverständlich ist. Der breitere „Normalweg“ ist auch für nicht schwindelfreie und/oder ungeübte Wanderer geeignet. Geübte Wanderer bevorzugen aber die technisch und landschaftlich spannenderen steileren Aufstiegsvarianten. Für den Aufstieg sollten mittelmäßig trainierte Wanderer ca 1.5 Stunden (ohne Pause) rechnen.

 

Alpinistin

Bild von Ulla Ich bin für euch überwiegend in den französischen und Schweizer Skigebieten unterwegs.
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